Heute freuen wir uns über ein Interview mit Dr. J?rg Beckmann, Direktor der Mobilit?tsakademie (Bern/Schweiz). Auf Herrn Beckmann sind wir durch sein sehr lesenswertes Paper über “Kollaborative Mobilit?t und den Einzug von Peer-to-Peer in die Verkehrswelt” geworden. Au?erdem ist seine Mobilit?tsakademie Veranstalter des?”World Collaborative Mobility Congress“, dem ersten Kongress?zum Thema “Kollaborative Mobilit?t”.

Herr Beckmann, das Ph?nomen ?Kollaborativer Mobilit?t“ gibt es schon lange: in der Form von Auto-Teilen, Mitfahrzentralen, u. ?. Warum sehen Sie gerade jetzt die Chance, dass sich diese Art der Mobilit?t im Mainstream etabliert??Welche kritischen Rahmenbedingungen müssen dafür gegeben sein?

Wie bei den meisten Gesch?ftsmodellen, die auf dem kollaborativen Grundgedanken ?Teilen statt Besitzen“ basieren, ist auch bei den kollaborativen Mobilit?tsmodellen die kritische Masse der grundlegendste Erfolgsfaktor. Machen zu wenige mit, kommt keine Dienstleistung zustande. Dies gilt sowohl für die Anbieter- wie auch die Nutzerseite solcher Angebote, denn ich brauche sowohl genügend Leute, die etwas anbieten, als auch Leute, die das Angebot nutzen. Bisher war es ?usserst schwierig, für solche Dienstleistungen eine genügend hohe Anzahl an Nutzern zusammenzubringen. Mit der fortschreitenden Vernetzung unserer Gesellschaft wird dies aber immer einfacher. Zudem ist die Automatisierung komplexer Vermittlungssysteme mit den heute verfügbaren Technologien ein Kinderspiel und nimmt den Nutzern den Grossteil der Arbeit ab. Neu ist also nicht die Idee des Teilens, sondern dessen Einfachheit. Dabei spielt das Smartphone eine gro?e Rolle: es kombiniert die Vernetzbarkeit mit Rechenleistung und erm?glicht mir jederzeit und überall den kurzfristigen und bequemen Zugriff auf geteiltes Gut.

Sie beschreiben den ?kollaborativen Verkehr“ als etwas ?g?nzlich Neues – klar abgegrenzt zum privaten Individualverkehr und dem ?ffentlichen kollektiven Verkehr –, das die etablierten Verkehrsanbieter vor gro?e Herausforderungen stellt.“ (sinngem?? zitiert)? Welche Herausforderungen meinen Sie hier? Welche Chancen sehen Sie für die traditionellen Verkehrsbetreiber?

Wenn wir kollaborative Mobilit?t im Gesamtkontext der kollaborativen Konsum-Bewegung (engl. collaborative consumption), die momentan in den verschiedensten Marktsegmenten althergebrachte Gesch?ftsmodelle auf den Kopf stellt, betrachten, sehen wir erste Anzeichen für das von Jeremy Riffkin bereits vor über 10 Jahren propagierte ?Age of Access“, einem Zeitalter, wo ?Nutzen statt Besitzen“ als Maxime des privaten Konsumverhaltens gilt. Mit dieser Erkenntnis l?sst sich kollaborativer Verkehr und dessen gesellschaftliche Potentiale besser verstehen, denn sie gibt Aufschluss über Mobilit?tsmuster, die unser Verkehrsverhalten immer st?rker pr?gen. Man k?nnte dabei auch von einem ernüchternden Pragmatismus seitens der Verkehrsnutzer reden: Für junge europ?ische St?dter ist es l?ngerfristig nicht wichtig, ein eigenes Fahrzeug zu besitzen, sondern m?glichst unkompliziert von A nach B zu kommen. Dabei spielt die Kombination aus mehreren Verkehrsmitteln, also die kombinierte Mobilit?t, eine wichtige Rolle: Die Pr?ferenzen der gew?hlten Verkehrsmittel gliedern sich analog zur Zug?nglichkeit eben dieser. Koppelt man diese Erkenntnis wiederum mit den Tatsachen, dass die Abs?tze von PKWs bei Jungen europaweit zurückgehen und die Führerscheinbesitzrate bei unter 30-j?hrigen ebenfalls rückl?ufig ist, wird schnell klar, dass beim momentanen infrastrukturellen Gefüge zwangsl?ufig der Druck auf den ?V steigt.

Deshalb ist es wichtig, dass die Verkehrs- und Angebotsplanung vom traditionellen, in auf den klassischen Verkehrstr?gern basierenden Kategorien, Denken wegkommt und verkehrstr?gerübergreifende L?sungen entwickelt. Bei diesem Dilemma bietet der kollaborative Verkehr L?sungen, die weitab von MIV und ?V liegen und eher einer Art individualisiertem ?ffentlichem Verkehr entsprechen. Natürlich wird dieser sich nicht zur haupts?chlichen Mobilit?tsform entwickeln, aber er wird in Zukunft gro?e Bedeutung insbesondere für die überlasteten Stadtgebiete, aber auch entlegene Randgebiete Europas gewinnen. So gibt es beispielsweise bereits überlegungen kollaborative Mobilit?tsl?sungen anstelle ?ffentlicher Busse in Randregionen einzusetzen. Für die traditionellen Verkehrsbetreiber ist die Chance also in dem Aufbau von Kombiangeboten zu finden, wir beobachten hier beispielsweise auch Bestrebungen von Bahnbetreibern im Bereich Kombiangebote mit carsharing Anbietern.

Ko-Mobilit?t birgt eine Reihe positiver Nebeneffekte für die gesamte Gesellschaft: von der Reduktion des Verkehrsaufkommens über die bessere Nutzung vorhandener Ressourcen bis hin zur St?rkung der sozialen Koh?sion. Welche Rolle kann und soll in Ihren Augen die ?ffentliche Hand im Aufbau von Peer-to-Peer-Mobilit?t haben?

Diese Frage ist von zentraler Bedeutung für die weitere Entwicklung solcher Angebote. ?Ich denke aber, dass die Aufgaben der ?ffentlichen Hand vor allem im Bereich der Umsetzungsf?rderung liegen sollten. Die aktive Entwicklung von Angeboten sollte dem freien Markt überlassen werden. Die ?ffentliche Hand sollte sich deshalb vorwiegend um ?ffentlich-rechtliche Aspekte kümmern und dafür sorgen, dass sich Konzepte mit einem Mehrwert für die Gesellschaft auch entsprechend realisieren lassen, ohne dass beh?rdliche Schranken die Entwicklung behindern oder verlangsamen. Eine aktive F?rderung der kollaborativen Mobilit?t im Allgemeinen (extra Parkpl?tze oder Fahrspuren) beispielsweise ist natürlich ein sch?nes Instrument mit wünschenswerten Effekten, aber deren Umsetzung gestaltet sich politisch meist so schwierig und langwierig, dass letztlich die Marktentwicklung eher behindert wird.

Derzeit scheint fast alle paar Wochen ein neues Sharing-Angebot aufzutauchen. Auch die Experimentier-Lust an Gesch?ftsmodellen ist voll ausgebrochen. Da gibt es z. B. CiteeCar (www.citeecar.com), mit ihrer Mischform von Peer-to-Peer- und stationsgebundenen Carsharing. Oder FlightCar (www.flightcar.com), wo Flughafenpassagieren ihren PKW vermieten anstatt ihn teuer zu parken. Welche aktuellen Beispiele finden Sie besonders interessant? Welche Faktoren halten sie für einen langfristigen Erfolg entscheidend?

Für uns ist vor allem die Vielzahl an einzigartigen Gesch?ftsmodellen interessant und wir beobachten die jüngsten Marktentwicklungen natürlich mit gro?em Interesse. Wichtig ist zu verstehen, dass es bei vielen dieser Gesch?ftsmodelle eine lange Zeitspanne braucht, um überhaupt die notwendige kritische Masse an Nutzern zu generieren und profitabel zu sein. Oft ist zu beobachten, dass kleineren Startups der Atem ausgeht und sie entweder aufgekauft werden oder den Betrieb einstellen. Wie Sie bereits erw?hnt haben: Es wird noch viel experimentiert und nach L?sungen gesucht, die sich gewinnbringend vermarkten lassen. Die meisten Unternehmen zeichnen sich deshalb auch durch eine ?usserst smarte und aggressive Expansionsstrategie aus. Es ist aber davon auszugehen, dass sich der Markt in den n?chsten Jahren in eine Konsolidierungsphase bewegt, nach welcher dann nur noch eine Handvoll, den Markt bestimmende Unternehmen, übrig bleibt.

Insbesondere beim Carsharing ist noch interessant zu beobachten, dass es zwei Marktsegmente gibt, die sich noch nicht direkt konkurrenzieren: Carsharing mit unternehmenseigener Flotte und P2P-Carsharing. Ein wichtiger Unterschied ist, wie angedeutet, ob das Unternehmen selbst eine Fahrzeugflotte betreibt oder nicht. Bei selbstverwalteten Flotten sind viel h?here Investitionskosten n?tig als bei P2P-Modellen, sie versprechen aber eine st?rkere Marktdominanz und h?here Gewinne. Hier geht es insbesondere um den Komfort der Dienstleistung und natürlich den Mobilit?tspreis.

P2P-basierte Dienste k?nnen bereits mit weniger Startkapitel loslegen, die Kosten für technische Entwicklung und Unterhalt eines Webportals sind allerdings auch nicht zu untersch?tzen. Hier spielt aber weniger der monet?re, sondern der umweltschützerische Aspekt die tragende Rolle. Natürlich teilen die Leute für Geld, aber oftmals spielt der Gedanke einer ressourcenschonenden Mobilit?t für eine nachhaltige Gesellschaft die Hauptrolle.

Letztlich wird es Platz für beide Modelle auf dem Markt geben, idealerweise sogar in einer Kombination. Wie sich das genau entwickelt, verfolge ich gespannt.

Im Mai findet die erste Konferenz zur Kollaborativen Mobilit?t statt. Was werden, denken Sie, die wichtigsten Themen und Diskussionspunkte sein?

Da beim World Collaborative Mobility Congress besonders Unternehmer aus dem kollaborativen Mobilit?tssektor teilnehmen, werden sich die Gespr?che voraussichtlich weniger um grundlegende Gedanken über das Teilen drehen, sondern vermehrt über die Probleme, die solchen Gesch?ftsmodellen zu Grund liegt. Dabei werden einerseits technische, aber sicher auch wirtschaftliche und gesellschaftliche Themenfelder den Diskurs pr?gen. Dies ist auch in unserem Sinne, den unser Ziel ist es weniger überzeugungsarbeit zu leisten, als den aktiven Diskurs und Weiterentwicklungen rund ums Thema voranzutreiben.

Wir danken Herrn Beckmann für seine Antworten!