Heute sprechen wir mit Robert Reithofer, Gesch?fstführer und Gründer von carsharing247, dem führenden Peer-to-Peer-Carsharer auf dem ?sterreichischen Markt: über ein lern-intensives erstes Jahr, wie schnell man sich von einem Business Model trennen kann (und muss) und dass die Kombi Carsharing-Auto und Neusiedlersee-Jolle auch multi-modal ist.

carsharing24/7 gibt es seit Februar letzten Jahres. Was ist Ihr Fazit nach dem ersten Jahr? Was lief gut oder besser als erwartet? Welche Herausforderungen stellen sich?

Es ist so viel passiert. Grunds?tzliches Fazit: carsharing24/7 funktioniert, es ist finanzierbar, es w?chst, es macht Spa? und wir werden noch ganz, ganz viel erreichen, denn wir werden fast jeden Tag in dem best?rkt, was wir tun.

Zu Beginn gab es eine Hochrechnung, wie viele PKWs es in ?sterreich gibt und wie viele davon im schlimmsten Fall geteilt würden. Es ging einfach darum abzusch?tzen, ob sich genügend Autobesitzer finden würden, die dabei mit machen. Es gibt rund 4,5 Mio. (!) Pkws in ?sterreich – wir planten 400 Autos im ersten Jahr als hehres Ziel für ?sterreichs erste private Carsharing-Flotte. Es wurden Ende 2012 etwas mehr als 100. Was war passiert? Kaum jemand kennt Carsharing. Und dann noch ?privates“ Carsharing? Mein Auto einem Fremden geben? Von wem Fremden das Auto nutzen? Und was ist, wenn was passiert?

Relativ rasch haben wir reagiert und uns an die realen Bedingungen angepasst. Wir haben gelernt, uns vom ursprünglichen Business Modell getrennt und entwickeln jetzt eigentlich gerade erst den Markt für privates Carsharing. Wir lernen tagt?glich die Hürden, Bedenken und die wirklich breit gef?cherten Probleme kennen und entwickeln L?sungen dafür und passen die Prozesse an. Von au?en ist das nicht sichtbar, aber in der Community carharing247.com ist es nachlesbar: zufriedene Autobesitzer, die ihre Erhaltungskosten reduzieren, indem sie ihr Auto mit anderen teilen und glückliche Nutzer, weil sie wirklich günstig ein Auto zur Verfügung haben. Und noch viel mehr sieht man, dass es nicht nur ums Geld geht sondern auch Spa? macht, und man viele liebe Leute kennenlernt, die gleich ?ticken“.

Also zusammengefasst, das erste Jahr war intensiv für alle im Team, aber das Ergebnis liegt doch über den Erwartungen. Es geht eben nicht nur um die Anzahl der Autos und die Masse der Nutzer. Es ist vielmehr die Bewegung, die wir in Gang setzen und auch der Zeitgeist, den wir gerade ma?geblich mitpr?gen.

Eine gro?e Herausforderung, die wir erfolgreiche gemeistert haben, war eine Versicherung zu finden, die uns unterstützt und das entgeltliche Autoteilen überhaupt erst erm?glicht. Den richtigen Partner haben wir dabei in der NV gefunden, die mit uns die Idee tr?gt und der Gemeinwohl und die Umwelt ebenso wichtig sind. Die Herausforderung heute ist aber noch die gleiche wie vor einem Jahr: Zum einen die Leute davon zu überzeugen, dass ein Auto ein Transportmittel ist, das mit anderen geteilt werden kann, um so seine Fixkosten zu reduzieren. Zum anderen muss man nicht ein Auto zwangsl?ufig besitzen, um mobil zu sein. Man kann auch als Erg?nzung zu den ?ffentlichen Verkehrsmitteln leer stehende Fahrzeuge in der Umgebung von Menschen leihen, die es gerade nicht brauchen.

Warum soll man von Privatleuten und nicht von anderen Carsharing-Anbietern mieten?

Ich m?chte nicht sagen, dass man von anderen Carsharing-Anbietern nicht mieten soll. Grunds?tzlich schaut‘s so aus, dass wenn ich einen Weg vor mir habe, für den ich ein Auto ben?tige, ich mich nach den m?glichen Alternativen umsehe. Je nach Strecke, Dauer, Mitreisenden etc. werde ich also mein Transportmittel w?hlen. Da gibt’s die ?ffentlichen Verkehrsmittel, Autovermietungen und Wiens Carsharing Initiativen. Gerade in Wien gibt es schon sehr viele günstige Autovermietungen, die mir dazu einfallen. Diese gibt es aber auch nur in Wien, arbeiten nicht kostendeckend und werden daher auch bald wieder verschwinden. Oder die Fahrzeuge sind nur am Flughafen zug?nglich oder müllen sogar die Innenstadt zu, wo es ohnehin kaum Parkpl?tz gibt. Preislich und von der Verfügbarkeit sto?e ich dann auch bald an die Grenzen, wenn’s weitere oder l?ngere Fahrten sind und vor allem au?erhalb Wiens.

Zu diesen Alternativen kommt jetzt eine weitere Alternative dazu. Sich ein Auto von jemanden leihen, der es gerade nicht braucht – ?privates Carsharing“ eben. Stellen Sie sich vor, Sie h?tten ein Auto und brauchen es am kommenden Wochenende nicht. Das Auto würde nicht gefahren werden und steht leer. Dann verleihen Sie es doch! Jemand der es gerade brauchen k?nnte, kann es nützen. Sie als Besitzerin k?nnen mit den Leihgebühren die Erhaltungskosten reduzieren. Unterm Strich profitieren bei diesem ?privaten“ Carsharing-Modell nicht nur der Nutzer durch die günstigen Leihgebühren, sondern auch die Besitzer, weil das eigene Auto ganz einfach weniger kostet. Und wenn man auf die Umwelt noch schaut, es werden dafür keine neuen Autos produziert oder angeschafft, sondern die eh schon vorhandenen genutzt. Das gilt auch für die Parkpl?tze!

Also lieber von privaten Carsharern das Auto nutzen, weil in den St?dten keine zus?tzlichen Parkpl?tze vergeudet werden, die Besitzer und Mitnutzer profitieren und so vor allem auch in den l?ndlichen Regionen echtes ?Carsharing Einzug findet, das für die gewerblichen Anbieter im Vorhinein schon nicht lukrativ ist.

Was ist aus Ihrer Sicht der entscheidende Erfolgsfaktor eines funktionierenden Gesch?ftsmodells im Peer-to-Peer-Carsharing?

Der entscheidende Erfolgsfaktor in jedem Gesch?ftsmodell ist aus meiner Sicht nicht in erster Linie, wie man m?glichst rasch zu m?glichst viel Geld kommt, sondern wie viel es jemanden wert ist, einen Dienst überhaupt zu nutzen. In sehr vielen Anbahnungsgespr?chen mit m?glichen Kooperationspartner ist eine der ersten Fragen meist “Und wieviel verdiene ich mit euch?“ Damit ist, ehrlich gesagt, auch schon die erste Runde erledigt. Es ist schon klar, dass man Gewinn erwirtschaften muss, aber es dreht sich nicht nur ums Geld. Dafür wurde die Plattform nicht entwickelt. Bei uns geht es um sehr viel mehr. Wir wollen eine Umgebung schaffen, in der alle profitieren, also in der Shareconomy funktioniert und in der Collaborative Consumption ein faires Pendant zur Gewinnmaximierung darstellt.

Um zur Frage zurück zu kommen. Der Erfolgsfaktor, oder eigentlich die Erfolgsfaktoren sind (1) den ?Need“ verstehen – günstig (und optimalerweise auch noch umweltschonend) mobil zu sein – (2) das Bedürfnis nach Mobilit?t befriedigen und auch multimodale Mobilit?t zur Verfügung stellen?– und (3) eine Art Abh?ngigkeit zu erzeugen. Damit meine ich, dass wenn sich dieses Modell einmal etabliert hat, nicht mehr vom Markt wegzudenken ist.

Wir bieten heute eine funktionierende und umfassende Infrastruktur, in der sich Leute selber organisieren, die Kosten fürs Auto und die Verwaltung etc. ersparen und gemeinsam günstiger und flexibler unterwegs sind. Einmal ausprobiert, überlegt man schon mal, warum es das nicht schon viel früher gegeben hat. Und dann, und nur dann, wird es m?glich sein, für den Dienst eine entsprechende Nutzungsgebühr zu verlangen, wenn der Wert der Plattform für jeden Einzelnen ersichtlich ist. Mittelfristig wird die Plattform dann auch nicht mehr kostenlos zur Verfügung stehen, denn um die entsprechende Qualit?t der Plattform aufrecht zu erhalten und weiter betreiben zu k?nnen sind die entsprechenden Finanzmittel erforderlich. Die sollen aus Mikro-Payments über die Masse der Nutzer und von Kooperationspartnern kommen.

Carsharing hat eine ganze Reihe positiver Nebeneffekte für unsere Gesellschaft: weniger Emissionen, weniger L?rm, weniger Verkehr. Sagen wir mal, Sie h?tten im Gegenzug einen Wunsch von der ?ffentlichen Hand frei. Welcher w?re das?

Ich würde mir wünschen, dass in den aktuellen Diskussionen über Parkpl?tze, Mobilit?t und Carsharing unser Modell des privaten Carsharings mitdiskutiert würde. Für die vorhandenen Carsharing Projekte wurden enorm viele Geldmittel, Subventionen und F?rderungen beansprucht. Und jede dieser L?sungen st??t in der Bev?lkerung teilweise auf Wiederstand – Stichwort ?ffentliche Parkpl?tze in Wien – oder ist nicht ausgereift genug oder einfach zu teuer, um als echte Alternative zum eigenen Fahrzeug angenommen zu werden. Unsere L?sung hingegen, bzw. privates Carsharing im Allgemeinen, kommt ohne neu produzierte Autos aus, beansprucht nicht zus?tzliche Parkpl?tze und nützt vor allem nicht nur den Mietern, sondern auch den Vermietern. Es ist schon klar, dass sich nicht jeder in ein ?lteres Auto setzen und das übergabeprozedere mit einem Fremden haben will. Es gilt einfach für jeden Einzelnen im Anlassfall abzuw?gen, was es mir wert ist, mich wie fortzubewegen.

F?rderungen oder gar einen Cent Zuschuss gab‘s bis dato nicht, daher würde ich mir zumindest eine Bewerbung dieser Mobilit?tsalternative wünschen. Wir haben mit wenig Kapital schon viel bzw. im Vergleich mit anderen Carsharing Alternativen schon jetzt sehr sehr viel erreicht. Wir müssen jetzt noch? mehr Menschen erreichen und sie von dieser Carsharing Alternative überzeugen! Denn von dieser L?sung profitieren alle und erf?hrt nur Zuspruch!

Die Multi-Modalit?t – die Verknüpfung verschiedener Mobilit?tsformen wie ?V, Privat-Auto, Fahrrad und auch Carsharing – gilt als Schlüssel für eine zukunftsf?hige, nachhaltige Mobilit?t. Besch?ftigt Sie dieses Thema bereits? Inwiefern?

Ja, wir besch?ftigen uns mit dem Thema schon l?ngere Zeit. Wir suchen hier bereits die m?glichen Kooperationen zu lokalen und kleinregionalen ?V Systemen und auch zum regionalen Zugverkehr. Gerade für Pendler ist das Thema First- und Last Mile ein Thema. Wir haben hier auch schon Gespr?che mit Autoherstellern geführt. In diesen Szenarien sprechen wir aber nicht mehr von privaten Fahrzeugen, sondern von gewerblichen Ma?nahmen bzw. Kombinationen mit privaten Fahrzeugen, bei denen aber ein neues Verrechnungs- bzw. Preismodell im Vordergrund steht.

Aber auch im Bereich Carpooling und Mitfahrgelegenheiten entwickeln wir bereits L?sungen. Und schlie?lich stehen wir mit weiteren Sharing-Initiativen in den Startl?chern. Bei uns stehen mittlerweile nicht nur PKWs, sondern auch Motorr?der, e-Bikes, Wohnmobile bis hin zu einem Segelboot zur Verfügung. So kann man jetzt schon mit dem privaten Carsharing Auto zum Neusiedlersee und mit der Jolle weiter nach Rust fahren bzw. segeln. Das ist auch Multi-Modalit?t!

Vielen Dank für das Gespr?ch!