Sich mit der Zukunft der Städte zu befassen, ist ja hip wie nie. Da treffen sich ITler, Stadtplaner, Soziologen, Designer, Verwaltungsmenschen, Ingenieure und alle anderen, um die Lebensräume unserer Zukunft zu gestalten. Es ist ja auch ein sehr sehr aufregendes Gebiet. Technologisch sind unsere Städte nämlich über weite Strecken noch weiße Flecken auf der Landkarte: Klar, die Verkehrsinfrastruktur ist vernetzt und intelligent. Auch Überwachungskameras gibt es zur Genüge. Aber das eigentliche Potential einer vernetzten Stadt ist noch nicht mal im Ansatz ausgeschöpft.

Die Smart City ist also ein äußerst dankbares und inspirierendes Feld zu forschen und zu experimentieren. Und während in Bezug auf automatische Datenauswertung u. ä. ansonsten gerne die Alarmglocken schrillen, sind diese auffällig ruhig, wenn es um die Stadt der Zukunft geht. Zu verlockend ist die Vision, einer völlig effizienten Version unserer Städte: effizient heißt verkehrsarm, heißt emissionsarm und damit doch auch notwendigerweise grün. Darüber hinaus ist die Smart City auch sehr benutzerfreundlich: allerlei Mühsal des urbanen Alltag vom Fahrscheinkauf bis zum Stromzähler-Ablesen bleibt uns erspart. Alles wird leichter, günstiger und besser. In unserem Kopf und auf 3D-Rendering tummeln sich Radfahrer, Fußgänger und futuristische Fahrzeuge in grünen Landschaften.

Ob dieser schönen Bilder ist man versucht zu vergessen, wie diese Szenarios in der Praxis umgesetzt werden und welche Implikationen auf den Rest unseres (Stadt-)Lebens hat. Damit beschäfigt sich der Artikel „The Too Smart City“ im Boston Globe. Boston, Heimat des renommierten MITs, ist selbst Spielwiese für diverse Smart-City-Initiativen. Der Ausbau für vernetzte, automatisierte und hocheffiziente Städte macht grundlegende Infrastruktur-Entscheidungen notwendig, die unser Stadtleben für Generationen prägen werden. Ähnlich folgenreich wie die mit der Erfindung des Automobils die Städte für Autos mit breiten Straßen umgebaut wurden. Unsere Städte werden mit Sensoren und Netzwerken ausgestattet. Aus Perspektive der Datenschützer ist das schlicht und ergreifend ein Alptraum. Außerdem sind Technologie und Know-How primär in der Hand privater Unternehmen. Anthony Townsend, Autor von „Smart Cities: Big Data, Civic Hackers, and the Quest for a New Utopia“  sieht darin vor allem das Risiko, dass Unternehmen zu unverzichtbaren Mittelsmännern in der Stadtentwicklung werden. Damit liegt nicht nur die Entwicklung, sondern vor allem auch die Sicherheit der Städte in deren Hand.

In der Entwicklung von Smart Cities stehen zwei Ansätze einander gegenüber: der zentralistische, der von einer mächtigen zentralen Steuerungs-Intelligenz ausgeht, sowie der dezentrale, der auf das Enabling zur Selbstorganisation von Individuen und kleinerer Gruppen ausgeht. Die derzeitigen Bestrebungen werden vor allem top-down vorangetrieben. Für eine demokratisch entwickelte Smart City sind vor allem bottom-up-Ansätze von Nöten: D. h. die Partizipation der Bevölkerung. Partizipation in der Stadtentwicklung – das ist ein Thema für sich, und wird von vielen Stadtregierungen erst langsam entdeckt. Hier lernen die Städte gerade immens viel aus Social-Media und Internet. Und trotzdem erschöpfen sich die meisten Bürgerbeteiligungen in einer Art Podiumsveranstaltung, zu denen die Bürger eingeladen werden, um sich über bereits gefällte Entscheidungen Luft machen zu können. Ohne Folgen natürlich.

Wenn die Smart City bereits eine große technologische Herausforderung ist – die soziale, kulturelle und demokratische Herausforderung ist riesig. Da ist ein nennenswerter Change-Prozess notwendig, in dem die Beteiligung der Betroffenen nicht auf dem Level der „Information“ und „Konsultation“ bleibt, sondern tatsächliche Mitgestaltung und Mitbestimmung erfordert. Die Entwicklung probater Instrumente ist da ein mindestens ebenso spannendes und vor allem offenes und unerforschtes Feld wie die Smart City selbst.